Beschützen

Beschützen

 

Manchmal reicht ein kurzer Blick nach oben. Wer beim Spaziergang häufiger in die Baumkronen schaut, kann einiges entdecken. Und merkt zugleich auch, wo es stiller und weniger lebendig geworden ist. Unter dem Motto „Beschützen“ geben wir unserem regionalen Engagement einen Schwerpunkt, der direkt hier vor Ort ansetzt.

Ob Blaumeise, Buchfink oder Buntspecht – unser Jahresmotto 2026 widmet sich dem Vogelschutz

 

Unser Engagement ist seit jeher regional. 2026 bündeln wir es in diesem Thema – weil Vögel sehr unmittelbar zeigen, wie es um Lebensräume in unserer Nähe steht: Gärten, Wiesen, Parks, Stadträume. Stabile Vogelpopulationen sind ein wichtiger Baustein für ein funktionierendes Ökosystem.

  • Vögel tragen zur Samenverbreitung bei
  • Sie unterstützen – als insektenfressende Arten – eine natürliche Regulation
  • Sie sind ein Indikator dafür, ob Lebensräume noch vielfältig genug sind

Kurz: Wo Vögel Raum haben, bleibt Natur widerstandsfähiger. Doch unsere heimischen Vogelarten geraten zunehmend unter Druck – durch weniger Rückzugsorte, Versiegelung, Licht, Lärm und klimatische Veränderungen. Das passiert schleichend. Und gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick.


Eine Welt für aufmerksame Beobachter

Während man im direkten städtischen Raum vor allem Tauben und Elstern sieht, vereinzelt auch Mauersegler, begegnet man in Neuss hin und wieder sogar grünen Halsbandsittichen. (Übrigens: Sie stammen nicht, wie oft behauptet, aus einem Zoo, sondern gehen auf freigelassene Privatvögel zurück.) Sobald man aber ein Stück aus dem Trubel heraus ist, entdeckt man auch bei uns deutlich mehr: Krähen und Raben, Spechte, Meisen und Blaumeisen, Rotkehlchen. Gerade in der kalten Jahreszeit kann man ihnen sogar „auf die Spur“ kommen – etwa wenn Raben und Krähen Walnüsse fallen lassen, um sie aufzuknacken.
 

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Was wir als Team tun

Im Rahmen unseres Jahresprojekts übernehmen wir als Team Verantwortung für Natur und Lebensräume – mit konkreten Aktionen und Kommunikation, die zeigt, wie gemeinsames Engagement vor Ort wirken kann.

Ganz praktisch fließt unser Engagement in Nistmöglichkeiten für heimische Vogelarten, also in das, was direkt hilft: mehr geschützte Plätze zum Brüten und Aufziehen bei uns in der Region.

 

Was bedeutet Vogelschutz?

Im Gespräch teilte Julian Bähr vom NABU in Neuss sein Expertenwissen rund um die regionale Vogelpopulation und ganz konkrete Schutzmaßnahmen mit uns – ab ins Rabbit Hole bzw. Bird’s Nest.

 

Hier kommen 10 Fragen an den Experten

Artenvielfalt: Welche Vogelarten sind häufig – und welche sieht man kaum noch?

Klar auffällig sind Kiebitz und Rebhuhn: Die sind inzwischen sehr selten. Beim Kiebitz zeigt sich das auch am Bruterfolg: Von sechs Paaren haben es bei uns vier Paare nicht geschafft, Jungvögel großzukriegen. Ein Problem ist die intensive Landwirtschaft. Wenn es immer mehr Äcker und weniger Grünland gibt, begünstigt das mancherorts auch die Ausbreitung von Krähen. Dadurch geraten Bodenbrüter zusätzlich unter Druck.

Bei einer Schwalben-Erfassung in einem NRW-weiten Projekt ist uns außerdem aufgefallen, dass die Mehlschwalben in Meerbusch-Ilverich deutlich zurückgegangen sind. Sie brauchen schlammige Pfützen als Baumaterial – und sowohl diese als auch die Insektenmenge sind deutlich weniger geworden.

Klimawandel: Spüren Sie Auswirkungen auf Bestände oder Zugverhalten?

Ja, teils sehr sichtbar: Wir beobachten, dass der Silberreiher sich bei uns ausgebreitet hat. Und Halsbandsittiche kommen inzwischen besser durch den Winter und werden dadurch weniger stark dezimiert.

Dazu kommen indirekte Effekte: Es gibt häufig weniger Insekten als Futterquelle und gleichzeitig weniger Feuchtgebiete und Feuchtwiesen, die eigentlich besonders insektenreich sind. In der Fläche rund um die Städte wird zudem viel intensiv landwirtschaftlich genutzt – das verstärkt Trockenheitseffekte und reduziert Lebensraumqualität. Der Rhein-Kreis Neuss hat zudem nur rund 8,3 % Waldanteil und zählt damit zu den waldärmsten Regionen.

Lebensräume: Welche sind besonders wertvoll?

Wertvoll sind vor allem Feuchtgebiete und Feuchtwiesen, naturnahe Wälder und naturnahe Privatgärten als kleine, aber wichtige Trittsteine. Auch lokal gepflegte Elemente zählen, zum Beispiel Streuwiesen und Feuchtbiotope sowie Strukturen wie ein altes Pumpenhaus als Teil eines Biotop-Mosaiks.

Und auch der eigene Garten kann ein wertvoller Lebensraum sein – gerade dann, wenn er naturnah gestaltet ist, heimische Pflanzen bietet und Insekten fördern kann.

Gartengestaltung: Was kann jeder im Garten oder auf dem Balkon tun?

Am wichtigsten: keine Pestizide, keinen chemischen Dünger. Wenn überhaupt, dann natürliche Alternativen (z. B. Kaffeesatz). Für die Insekten ist außerdem entscheidend, wie gemäht wird: Geräte mit starker Sogwirkung sind ungünstig, weil sie Insekten vom Boden „mit absaugen”. Besser sind schonendere Methoden. Stauden sind super – und im Winter lässt man die Stängel stehen, auch wenn es nicht aufgeräumt aussieht. Das ist ein wichtiges Überwinterungsquartier für Insekten.

Auf dem Balkon am besten heimische, nektarreiche Pflanzen statt reiner Zierpflanzen ohne Nutzen. Stauden wie Phlox gehen in eine gute Richtung. Außerdem: ruhig etwas Wildnis zulassen – Laub in einer Ecke, Totholz liegen lassen. Auch Brennnesseln und Disteln sind wertvoll: an Brennnesseln hängen oft Schmetterlinge (z. B. Tagpfauenauge), Disteln sind ebenfalls starke Insektenpflanzen, und viele weitere Insekten profitieren davon.

Fütterung: Sollte man Vögel im Winter füttern – und wie macht man’s richtig?

Ich füttere selbst sowohl im Winter als auch im Sommer. Wichtig ist, dass gekauftes Futter keine problematischen Samen enthält, zum Beispiel invasive Arten. Ambrosia gilt dabei als besonders kritisch – deshalb am besten auf ambrosiafreies Futter achten.

Füttern kann man mit einem Vogelhaus – hängend oder stehend ist weniger entscheidend. Gut ist, wenn es Sitzmöglichkeiten in der Nähe gibt (Zweig, Wäscheleine, Baum), damit die Vögel kurz sichern können. Auf dem Balkon klappt das auch. Im Idealfall füttert man einen Mix aus Körnern plus z. B. Mehlwürmern und stellt das geschützt vor Nässe unter ein Dach. Wichtig: Das Häuschen sollte regelmäßig gereinigt werden, um Parasiten vorzubeugen.

DIY-Idee aus der Praxis: Ein Joghurtbecher, Vogelfutter, erwärmtes Fett, Stock rein – abkühlen lassen – dann hat man „Futter am Stiel”. Sauber arbeiten und sinnvoll platzieren.

Gefahrenquellen: Welche Gefahren lauern im Alltag besonders?

Auch der Mensch stellt eine Gefahrenquelle dar. Die größten Gefahren sind Glasfassaden und Fenster, Katzen und Verkehr. Dazu kommen Marder und Krankheiten. Bei Krankheiten wurden beispielhaft das Usutu-Virus (v. a. Amseln) und H5N1 (z. B. bei Wildvögeln) genannt.

Zu den menschgemachten Faktoren gehört auch energetische Sanierung: Sie ist grundsätzlich notwendig, kann aber Brutplätze verschwinden lassen. Mauersegler leiden stark unter Gebäudesanierungen, wenn Einflugöffnungen und Quartiere verloren gehen. Auch andere Arten, die Hohlräume nutzen, können betroffen sein. Deshalb sollte man vor der Sanierung prüfen und dann Ausgleich schaffen, zum Beispiel über Nistkästen oder künstliche Schwalbennester.

Was hilft konkret: Gegen Vogelschlag ist ein gut sichtbares Raster oder Netz am Fenster sehr wirksam. Diese Silhouetten-Aufkleber („Greifvogel-Sticker”) bringen dagegen meist wenig. Auch Gardinen, Rollos oder sichtbare Elemente am Fenster können helfen, Spiegelungen zu brechen. Gegen Katzen und Marder helfen vor allem bauliche und platzierende Maßnahmen (z. B. Drahtlösungen oder ein Zaunkragen), immer mit Blick auf Verhältnismäßigkeit. Ein Glöckchen an der Katze ist aus meiner Sicht nicht tiergerecht.

Bei Raubvögeln würde ich nicht empfehlen, aktiv einzugreifen – das wäre ein zu starker Eingriff in natürliche Prozesse. Bei Krähen spielt zusätzlich die örtliche Landschaftsstruktur eine Rolle: Durch intensive Landwirtschaft kann das Gleichgewicht mancherorts aus der Balance geraten, was Bodenbrüter zusätzlich belastet.

Ein Hinweis aus der Praxis: Rotkehlchen brüten manchmal sehr nah am Menschen, etwa in Brennholzstapeln oder ungewöhnlichen Nischen. Ein Nest zu versetzen ist nicht gut; Störungen können problematisch sein.

Unterstützung: Was wünschen Sie sich von Stadtverwaltung oder Unternehmen?

Von der Stadt wünsche ich mir eine strikte Durchsetzung des Schottergarten-Verbots, inklusive Rückbau bestehender Schottergärten und gegebenenfalls Sanktionen. Außerdem könnten Bauvorschriften so gestaltet werden, dass Schottergärten grundsätzlich unattraktiv werden.

Mein Eindruck ist, dass Schottergärten zugenommen haben – und dass in dem Zusammenhang auch häufiger Gift eingesetzt wird, um Unkraut zwischen Steinen zu bekämpfen, was wiederum Insekten und damit auch Vögeln schadet.

Erfolge: Gab es positive Entwicklungen?

Ja: Als sehr positiv erlebe ich die gute Zusammenarbeit mit Stadt und Kreis. Das zeigt sich im Alltag zum Beispiel bei der Kopfweiden-Schneidegruppe oder beim Amphibienschutz. Ein greifbares Zeichen ist, wenn Schutzzäune durch das Tiefbauamt aufgestellt werden – das ist konkrete Unterstützung.

Beim Thema Ausgleichsmaßnahmen: Sie sind zwar oft verpflichtend, werden aus unserer Praxis aber nicht immer wirksam umgesetzt. Eine Hecke irgendwo anders ersetzt nicht automatisch die Struktur, die vor Ort verloren ging. Neu gepflanzte Hecken haben zudem nicht sofort die Qualität von Strukturen, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Es gibt auch Beispiele für Ausgleichsmaßnahmen, die am Bedarf vorbeigehen, etwa wenn Flächen ohne passende Standortbedingungen ausgewiesen werden.

Mal ganz persönlich: Was hat Sie zum Engagement motiviert?

Ich bin ein Stück weit reingeboren: Mein Vater war Gründungsmitglied in Meerbusch und Protokollführer des Gründungsprotokolls. Aus diesem Ursprung am Niederrhein sind später unter anderem die Kreisverbände Neuss, Krefeld-Wesel und Düsseldorf entstanden.

Mich treibt an, zu verstehen, was vor Ort da ist – Bestandsaufnahmen, Naturbeobachtung, und das Erlebnis, Jungvögel aufwachsen zu sehen. Ich habe Freude an Natur, Bildung und an der Gestaltung naturnaher Gärten. Ein Beispiel, das mir besonders nah ist: Die Ausbreitung des Weißstorchs unterstützen wir mit eigenen Storchnestern, weil Brutversuche vorher immer wieder abgebrochen wurden.

Zukunftsvision: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten – was sollte sich verändern?

Mein größter Wunsch wäre eine klimagerechtere Gewässerpolitik – im Moment fühlt es sich oft so an, als würde eher mehr entwässert als gegengesteuert. Außerdem braucht es eine deutlich stärkere Anpassung von Landwirtschaft und Baupolitik an den Klimawandel. Häufig wird Wasser erst aus den Äckern herausgepumpt, und später landet es – zugespitzt gesagt – zusammen mit Insektenvernichtern wieder auf den Flächen. Das passt für mich nicht zusammen.

Die Mentalität „alles soll bleiben wie es ist” hilft aus meiner Sicht nicht weiter. Nachhaltige Lösungen erreichen wir nur, wenn wir bereit sind, Dinge zu verändern.


Gesprächspartner

Julian Bähr

Julian Bähr

NABU Kreisverband Neuss,
Experte für Vögel, Amphibienschutz und Weidenschneiden

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